Rede des israelischen Botschafters, S.E. Shimon Stein anläßlich der Verleihung des DIG-Friedenspreises an die Hand-in-Hand Schule in Jerusalem
11. Mai 2005, 17.00 Uhr, Reichstagsgebäude des Deutschen Bundestages
Ich freue mich, daß so zahlreiche Mitglieder und Freunde der Deutsch-Israelischen-Gesellschaft und damit auch Freunde Israels erschienen sind. Insbesondere freue ich mich sehr, Sie sehr geehrter Herr Bundespräsident Rau, unter uns zu sehen.
Kalendarisch ist es ein Zufall, daß diese Veranstaltung heute stattfindet, dem Tag, an dem Israel den über 21.000 gefallenen Soldaten gedenkt, die für unsere Unabhängigkeit und die Absicherung unserer Existenz mit ihrem Leben bezahlt haben. Morgen bzw. ab heute Abend werden wir unseren 57 Geburtstag feiern.
Bei aller Selbstkritik und Unzufriedenheit über das, was bis heute noch nicht erreicht ist, überwiegt das Licht über die Schatten. Ich sage das auch vor dem Hintergrund des gestrigen Tages, nämlich der Einweihung des Mahnmals für die 6 Millionen ermordeten Juden Europas, und dem 08. Mai. Erst wenn man sich die Katastrophe vergegenwärtigt, kann man die historische Dimension des Aktes der Gründung des Staates Israel würdigen.
Der Weg von der Shoah zur Wiederaufrichtung ist präzedenzlos in der Geschichte und auf unsere Errungenschaften können wir Israelis und all diejenigen, die uns seit Gründung des Staates unermüdlich unterstützen, mehr als stolz sein.
Von historischer Bedeutung ist auch der morgige Tag. Es war der 12. Mai 1965, an dem unsere Staaten die diplomatischen Beziehungen aufgenommen haben.
Über die Vorgeschichte und die Entstehung der diplomatischen Beziehungen sowie über die 40 zurückliegenden Jahre werde ich heute nicht sprechen; wichtig scheint mir allerdings zu betonen, wie zentral, ja unverzichtbar die Rolle der Zivilgesellschaft für die Entwicklung der bilateralen Beziehungen war, ist und bleiben wird. Zu dieser unverzichtbaren Zivilgesellschaft gehören Sie, liebe Mitgliederinnen und Mitglieder der DIG.
Der Einsatz für Verständigung zwischen unseren Völkern und der Kampf gegen Antisemitismuswaren und sind bis heute keine leichten Aufgaben. Im Hinblick auf die - alles andere als zufriedenstellende - Wahrnehmung Israels in der deutschen Öffentlichkeit in den letzten Jahren, und andere innerdeutsche Entwicklungen, die mit dem Abstand zur Shoa zusammenhängen, werden die Aufgaben in der Zukunft sicher nicht leichter, sondern anspruchsvoller.
Sich für die deutsch-israelische Sache einzusetzen war nie ein Sonntagsspaziergang, aber wenn ich hier und heute Menschen wie Manfred Lahnstein, (the one and only) Waltraud Rubien, Frau Hoffs, Herrn Freitag, Herrn Krüger, Herrn Wende oder Jochen Feilcke sehe, dann bin ich zuversichtlich. Für Ihr Engagement und Ihre Treue gebührt Ihnen mein Dank.
Aber meine Damen und Herren, die 40 Jahre Beziehungen zu würdigen, ist nicht der Grund, weshalb Sie mich heute eingeladen haben: Seit 2001 stiftet die Deutsch-Israelische-Gesellschaft den Friedenspreis, der gebührend Projekte würdigen möchte, die sich den Ideen der Verständigung und der Toleranz widmen und den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern fördern.
In diesem Jahr geht der Preis an die Hand-in-Hand Schule in Jerusalem – ein außergewöhnliches Projekt, das in einer außergewöhnlichen Zeit initiiert wurde. Bereits einen Monat nach der Eröffnung der Schule im September 2000 brach die Terrorwelle aus, die mit einem Schlag alles in Frage zu stellen drohte, wofür diese Schule steht: Jüdische und arabische Kinder, die nebeneinander sitzen und lernen, miteinander spielen, sich zu Hause besuchen, Freunde sind.
Ich freue mich, daß die beiden Schuldirektoren, Frau Perez und Herr Khatib, heute unter uns sind, und dieses Projekt eben nicht gescheitert ist. Es gehört sehr viel Mut, Hellsichtigkeit und sehr viel Individualismus dazu, einen Traum zu verwirklichen, noch dazu, wenn er sich nicht losgelöst von politischen Umständen, von Terror und der Entfremdung umsetzen läßt.
Die Schule möchte Haß und Vorurteilen entgegenwirken, indem sie nicht nur das gemeinsame Lernen ermöglicht, sondern auch ein Verständnis für die andere Kultur, die andere Identität, das andere Geschichtsverständnis bewirken möchte.Ganz gewiß ist ein solches Projekt nicht vor Rückschlägen gefeit, stellt Sie sicher als Direktoren vor Fragen, vor Probleme, auf die es so schnell keine Antworten gibt, für deren Lösung die Zeit noch nicht reif ist. Oder vielleicht die Zeit, aber nicht die Menschen.
Ihr Projekt nimmt eine Vorreiterrolle ein, bildet jedoch keine Insel, denn die Kinder und die Erwachsenen tragen die Ideen in ihre Umgebung, in ihre Gesellschaft hinaus. Dieses Konzept trägt dazu bei, die Kluft zwischen den beiden Völkern zu verringern, die Idee einer freien demokratischen Gesellschaft ohne Rassismus zu fördern – zweifellos eine anspruchsvolle Aufgabe, die dazu erzieht, sich gegenseitig zu respektieren und miteinander in friedlicher Koexistenz zu leben.
Was als Experiment, als Versuch begann, hat im Laufe der Jahre durch ihre Einzigartigkeit internationales Interesse geweckt. Die Jerusalem Foundation bemüht sich nun um den Bau eines neuen Zentrums für die Schule, da sie sich bisher mit bescheidenen Räumlichkeiten begnügen muß, die Anmeldeliste der Schulanwärter aber immer länger wird. Erfreulicherweise haben mehrere Spender aus dem Ausland finanzielle Mittel zugesagt.
Ich wünsche Ihnen, sehr geehrte Frau Perez und sehr geehrter Herr Khatib, für Ihre Arbeit alles Gute, viel Kraft und Durchhaltevermögen und möchte diese Wünsche mit der Hoffnung verbinden, daß Ihre Idee auch auf andere Schulen übergreift.